Marvel’s Luke Cage: Netflix auf den Spuren von The Wire? Nicht ganz. Ein Review (German)

Marvel’s Luke Cage

Showrunner: Cheo Hodari Coker

(basierend auf den Marvel Comic Serien um den schwarzen Superhelden Luke Cage)

Mit: Mike Coulter (Luke Cage), Mahershala Ali (Cottonmouth), Simone Missick (Misty Knight), Theo Rossi (Shades), Alfre Woodard (Mariah Durand)

13 Episoden

Im Streaming Angebot von Netflix seit Setember 2016

Netflix und die Marvel Studios bestätigen zwar wieder, dass die qualitativ besten Superhelden Produktionen zur Zeit im TV-Streaming bei Netflix zu sehen sind. Luke Cage hat aber auch unübersehbare Schwächen.

Netflix und Marvel picken sich eher Charaktere der zweiten (oder dritten) Reihe des Marvel Comics Universums und nehmen sich die eine oder andere künstlerische Freiheit heraus, die bei den am Geschmack des Massenpublikums orientierten Filmproduktionen sonst eher vermieden werden.

Insgesamt stellt sicherlich die berühmte HBO Krimiserie The Wire eher das Vorbild dar als, sagen wir, NCIS oder Bones.

Auch hier gelingt wieder, das längere Format einer 13teiligen TV Serie (im Vergleich zu den sagen wir 2 ½ Stunden eines Kinofilms) zur Darstellung und Entwicklung der Charaktere sowie zur atmosphärisch dichten Ausleuchtung des geographischen Hintergrunds zu nutzen.

Das war so im Fall von Hell’s Kitchen (jenem überschaubaren Stadtteil in Mid-Town Manhattan) bei Daredevil, Jessica Jones und Daredevil Season 2.

Im Fall von Luke Cage ist der geographische Brennpunkt der schwarze New Yorker Stadtteil Harlem.

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Luke (Mike Coulter) wurde infolge eines unfreiwilligen wissenschaftlichen Experiments zum Menschen mit übernatürlichen Eigenschaften: Seine Haut ist so hart, dass Kugeln abprallen, er verfügt sprichwörtlich über Bärenkräfte und hat eine erstaunliche Regenerationsfähigkeit. Mit anderen Worten: Luke Cage ist sozusagen unbezwingbar und unverletzlich.

Diese Fähigkeiten hat er als Nebenfigur in der Netflix Serie Jessica Jones bereits unter Beweis gestellt. Die Luke Cage Serie spielt einige Monate nach den Ereignissen in Jessica Jones: Luke ist von Hells Kitchen ein paar Kilometer nördlich nach Harlem gezogen, um dort ein „normales“ Leben zu führen, unerkannt und ungestört. Eines will er ganz sicher nicht sein: Ein Superheld.

Das geht natürlich nicht lange gut. Er wird gegen seinen Willen sehr schnell in die Machenschaften des Gangsterbosses Cornel Stokes, genannt „Cottonmouth“ (hervorragend dargestellt von Mahershala Ali) verwickelt, der nicht nur einen Szeneclub der Harlemer Jazz Musik, das „Harlem Paradise“ betreibt, sondern auch den Handel mit Drogen und illegalen Waffen kontrolliert. Nach dem Mord an einem weißen Polizisten wird Luke Cage (unschuldig) als Mörder gesucht und es entwickeln sich die ersten Anzeichen von Rassenunruhen. Spätestens hier sind wir ansatzweise in der heutigen Wirklichkeit der USA.

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Letztendlich geht es hier um Identitätsfragen: Die von Luke Cage (normaler Typ von nebenan oder Held?). Die von Harlem (heruntergekommener Slum oder aufstrebende Kulturstädte?) Und die des schwarzen Bevölkerungsteils der USA.

Diese Serie ist grandios gefilmt und inszeniert. Sie vermittelt insbesondere auch durch die wirklich gekonnte Integration der schwarzen Musik (Jazz, Rap, Hip Hop) ein authentisches Bild des Stadtteils Harlem.

Auch die Schauspieler, allen voran die Antagonisten (neben Ali als „Cottonmouth“ vor allen Theo Rossi als Hernan „Shades“ Alvarez sowie Alfre Woodard als kriminelle Lokalpolitikerin Mariah Dillard) können überzeugen.

Die Story und das Pacing hingegen sind deutlich schwächer als insbesondere bei den beiden Daredevil Staffeln. Zwar gelingt es wieder, die meisten Charaktere in überdurchschnittlicher Tiefe herauszuarbeiten (z.B. die Figur der Mariah Dillard).

Insgesamt jedoch treten insbesondere in der zweiten Hälfte deutliche Längen auf und eine Beschränkung der Serie auf, sagen wir zehn statt dreizehn Folgen wäre besser gewesen.

Vielleicht wollte Showrunner Cheo Hodari Coker jedoch auch zu viel auf einmal. Luke Cage ist ein Mix aus Gangsterdrama, Superhelden – Story, Police Procedural, sozialkritischem Kommentar und eine Liebeserklärung an Harlem.

Letzteres gelingt und das absolut überzeugend und sehenswert.

Das Gangsterdrama funktioniert sehr gut in der ersten Hälfte der Serie. Mit der Einführung des „Obergangsters“ Diamondback in der zweiten Hälfte leisten sich die Autoren aber eine eine deutlich Drehbuchschwäche: In die Erklärung für dessen Motivation für seinen Hass auf Luke Cage schleicht sich ein Widerspruch.

Und gegen Ende wird aus einem ansatzweise komplexen Gangsterdrama ein mittelmäßiger Boxkampf auf der Straße.

Das Superhelden Element wirkt fast wie ein überflüssiges add-on zur Geschichte. Diese hätte genauso gut auch als reines Krimi-, Gangsterdrama oder Thriller erzählt werden können.

Das Police Procedural funktioniert weniger gut. Die offenbar einzige fähige und nicht korrupte Polizistin von Harlem (Misty Knight gespielt von Simone Missick) läuft die meiste Zeit aufgelöst umher und stammelt: „Luke Cage ist unschuldig!“ Bis es niemand mehr hören kann (einschließlich des Zuschauers).

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Und der sozialkritische Kommentar? Bei The Wire ist die Sozialkritik gerade deshalb so wirksam, weil sie eben nicht in den Mund eines der Protagonisten gelegt wird. Wenn Luke Cage hingegen in der letzten Folge eine Rede sozusagen aus dem Ärmel zaubert – wie die eines Politikers, also eher hohl und voller Pathos – verpufft sehr viel.

Also: Luke Cage ist insgesamt sehenswert. Ganz gelungen ist die Serie jedoch leider nicht. Bisher der schwächste Beitrag der Netflix Marvel Reihen.

(Hamburg, Oktober 2016)

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